Bettina Hauenschild & Otto Kukla

Das Feld liegt offen für den Geist. Das ist ein Satz, über den man ein bisschen nachdenken muss. Es ist der Wahlspruch von Bettina und Otto, die im ehemaligen Tagebaurevier der PreussenElektra in Borken Heilkräuter anbauen und damit den Boden für ein neues Leben bereiten wollen. In ihrem Schloss Hirschgarten lassen die beiden Schauspieler wahrhaftig die Zuversicht keimen, dass in der Einheit aus Mensch und Natur mehr steckt als ein industrieller Versorgungsauftrag.

Text & Fotografie: Jonathan Linker | Handlettering: Julia Wenderoth | Design: Jonas Seemann

Otto und Bettina sind Theatermacher und Schauspieler und kamen über Bettinas Engagement bei den Bad Hersfelder Festspielen nach Nordhessen. Gefunden haben sich die beiden in ihrer Begeisterung für die Kräfte der Kräuter. Ottos Wurzeln liegen in der Allgäuer Gärtnerei Artemisia, Bettina hat mehrere Bücher über Pflanzenheilkunde geschrieben und ist Heilpraktikerin.

Ein Ort der Stille
Einen Ort der Stille wollen Bettina und Otto mit ihrem Schloss Hirschgarten geschaffen haben. Das wirkt erstmal irritierend: ruhig ist es hier doch überall? Hört man genauer hin, dudelt allerdings doch meist schon in der Früh irgendwo ein Radio, irgendeine Maschine lärmt unnötig durch den Tag und ein Netflix-Stream stottert abseits der großen Datenströme nervtötend durch die Nacht. Denn richtig Nerven braucht heute, wer sich traut, all diese Ablenkungen abzuschalten und darauf zu warten, was die reine Natur für ihn bereithält. Achtsamkeit nennt man das im Buddhismus – und meint damit, das man Ruhe nicht bloß resilient erträgt, sondern darin wächst und sich und seine Umgebung bewusster wahrnimmt. Bettina und Otto geht es deshalb auch nicht ums Schweigen während der Arbeit, sondern darum, besser hinzuhören, bevor man überhaupt damit anfängt. Als Schauspieler mit scharfen Sinnen für die Details unseres Lebens sind sie darauf gut vorbereitet.

Kein Garten ohne Liebe
Was bleibt uns noch in einer Welt, in der wir uns der Wirkung unserer eigenen Arbeit kaum noch gewahr werden und in der unser bisheriger Begriff von Fortschritt im klimatischen Fiasko des Anthropozäns implodiert? Bettina und Otto haben darauf eine Antwort für sich gefunden und das Schloss Hirschgarten geschaffen, um sie in die Welt zu tragen. Aus Samenkörnern ziehen sie kleine Pflanzen, was nichts und niemandem schadet. Sie ernten Kräuter, die ihre unschätzbaren Wirkstoffe selbst noch aus solchem Boden heraus bilden, der als seiner Schätze beraubt gilt (Schloss Hirschgarten liegt in einer Tagebaubrache). Daraus mischen sie Tees, die ihre Trinker stärken und inspirieren sollen, ebenfalls zu gärtnern. Denn wer gärtnert, arbeitet aus Liebhaberei, beschreibt der Duden. Zugegeben, etwas aus Liebhaberei zu tun, galt lange Zeit als niedlicher Zeitvertreib der Müßiggänger. Inzwischen aber stellt sich die Frage nach dem Sinn unseres Wirtschaftens angesichts des Klimawandels in nie dagewesener Härte. Unsere Begriff von Arbeit ist deshalb im Wandel. Die Botschaft von Bettina und Otto ist dabei eine Ermutigung: Gärtnert, denn wer liebt was er tut, sorgt sich ganz von allein auch um seinen Sinn.

Der Sturm vor der Ruhe
Zusammen mit Bettina und Otto leben und arbeiten als Gemeinschaft auf Schloss Hirschgarten Masseur Martijn, Gärtner Leon und Yogalehrer Maximilian. Gemeinsam haben sie im ersten Jahr in ihrer neuen Heimat Nassenerfurth neben ihrem Produktionsgarten mit 6500 Kulturen einen Schaugarten für Führungen angelegt, ihr Schlosscafé jeden Sonntag geöffnet, jeden Dienstag bei offener Tür meditiert, das Schloss saniert, ein Buch geschrieben, ein Bed & Breakfast im Schweizerhaus gestartet, Theater inszeniert und gespielt und Workshops angeboten. Sie haben also ziemlich gut vorgelebt, was gemeint ist, wenn man etwas abgedroschen sagt: In der Ruhe liegt die Kraft.

Bettina & Otto im Interview

„Wir suchen nach dem Moment, der verändert. Wie verlieren wir die Skrupellosigkeit und Sorglosigkeit, wenn wir nur so zum Spaß um die halbe Welt fliegen, um Urlaub zu machen? Wann endlich wird Plastik aus unserem Konsum verschwinden?“

Was bietet euch die Region Homberg?

Viel Wald! Viel Ruhe, offene Diskussionen, Begegnungen mit neugierigen Menschen, Einfachheit im besten Sinne, Gärten mit Gemüseanbau. Wenig Tourismus. Zentrale Lage. Aufbruchstimmung.