Die Goldjungs

Udo van der Kolk & Christian Schmidt

Altes Handwerk gibt uns immer so ein bisschen das Gefühl, dass früher alles besser war. Und die Historische Weberei Egelkraut in Trutzhain hätte dabei sicherlich das Zeug zum Wallfahrtsort für Industrienostalgiker. Wären da nicht Udo van der Kolk und Christian Schmidt, die sich mit der Rolle der Museumswärter nicht zufrieden geben wollen. Ausgebrochen aus dem globalen Textilgeschäft weben die beiden hier aufwendige mit Gold und Silber verzierte Stoffe, die die Welt bedeuten. Über Zwei, die zeigen, wie man mit Hingabe und Leidenschaft aus etwas vermeintlich gestrigem ein Modell für morgen macht.

Text & Fotografie: Jonathan Linker | Handlettering: Julia Wenderoth | Design: Jonas Seemann

Haben sich genau zur richtigen Zeit kennengelernt: Denn erst durch die Kombination der Fähigkeiten des Weber-Quereinsteigers Udo van der Kolk (rechts) und des Kaufmanns und IT-Spezialisten Christian Schmidt kann die Brokatweberei Egelkraut erfolgreich im Direktvertrieb bestehen.

Haaresbreite ist breit genug
Als Udo van der Kolk in den Betrieb kommt, ist das große Geschäft längst gelaufen. Die jüngsten Jacquardwebstühle feiern ihren 50. Geburtstag und die 40 Menschen, die hier einst Arbeit gefunden hatten, lernt er nicht mehr kennen. Vor den metergroßen Eisenfenstern trohnt die verkaufte Fabrikantenvilla und mahnt vor einer ungewissen Zukunft; die Zeit der großen Textilproduktion ist hierzulande vorbei. Als Udos Chef 70 wird, denkt der ans Aufhören und gar daran, den Schrotthändler zu bestellen. Denn die alten Webstühle kann und will im Jahr 2010 in Deutschland eigentlich niemand mehr bedienen. Die golden schimmernden Fäden aber, die zum Markenzeichen der Weberei geworden sind, haben Udos Leben längst umgarnt. Was soll er jetzt tun? Der Gedanke, die Weberei zu übernehmen, ist zunächst nicht breiter als ein Haar. Aber Udo ist vertraut damit, feste Knoten in feinste Fäden zu binden. Zehn Jahre nach seinem Einstieg wird er neuer Eigentümer und alleiniger Mitarbeiter der Weberei Egelkraut und investiert in weitere Maschinen. Die Überzeugung des Quereinsteigers ist jetzt stark wie ein Tau: Er will verhindern, dass Wissen um altes Handwerk verloren geht. Kauft er ausgediente Maschinen nicht, kauft sie niemand, ist er überzeugt. Die Kunstfertigkeit der Herstellung von Stoffen aller Art ginge verloren, fürchtet er. Sein Angebotsspektrum wächst, er webt jedes individuelle Muster oder schöpft aus einem wachsenden Stamm von 650 Mustern. Kunden mit Hang zur Qual bei der Wahl finden in Udo ihren Meister: In Kombination mit den verschiedensten Farben und Qualitäten, kann er allein aus Lagerbeständen unvorstellbare 175 Millionen Stoffvariationen weben. Einmalig in Deutschland.

Plötzlich bleibt das Telefon stumm
Bis zur nächsten Feuertaufe bleiben Udo als jungem Unternehmer fünf Jahre, in denen er fast jede Schraube jedes Webstuhls mindestens ein Mal in  seinen Händen hält und ein breites Wissen über die Verarbeitung von Stoffen und der Vielfalt der historischen Musterungen und Motive aufbaut. Bestellen Japaner einen Stoff mit Schussfäden aus Gold, muss er das gebietstypische gelbe „Japangold“ verwenden, das in Europa durch seinen untypischen Farbton ungewohnt erscheint. Er verwebt Wollfäden, die erst durch späteres Walken aufgehen und dadurch über Kettfäden aus Baumwolle einen dreidimensionalen Charakter erhalten. Vier bis fünf Mal am Tag klingelt das Telefon und es kommen neue Ordern von Theatern aus der ganzen Welt rein. Erstmals stellt er auch wieder einen Weber und eine Bürokraft ein. Die Webstühle rattern so laut, dass Udo kaum auffällt, dass das Telefon plötzlich stumm bleibt. Mit nur sechswöchiger Vorankündigung schließt sein wichtigster Kunde, ein Großhändler für Theaterstoffe. Udo hatte sich bis dahin wenig Gedanken über das Gentlemen‘s Agreement zwischen dem Großhändler und seinem alten Chef gemacht, das vorsah, dass die Weberei die Theater nicht direkt beliefern sollte. Als Konsequenz muss er seine Mitarbeiter wieder entlassen, die Weberei ist erneut am Scheideweg.

Dritter Frühling
Udo lernt in dieser Zeit Christian kennen, der seine Begeisterung für Stoffe und Webtechniken teilt und von Lüdenscheid aus als IT-Spezialist in ganz Norddeutschland Kunden unterstützt. Manchmal beginnt sein Tag in Hamburg, führt ihn über Berlin nach Leipzig und wieder zurück in Richtung Ruhrgebiet. Er ist die Fahrerei satt. Bei seinem ersten Besuch in der Weberei, in der es in manchen Ecken aussieht wie im Tischlerschuppen der Kinderbuchreihe von Pettersson und Findus, bekommt er den „Dampflokblick“, wie Udo sagt, und verliebt sich in Nordhessen. Er kennt sich aus mit Marketing und schult gerade zum Kaufmann um; beides sind Bereiche, die in der Weberei jetzt dringend benötigt werden. Zusammen richten Udo und Christian die Weberei neu aus. Sie bauen Kontakte zu hunderten von Theatern auf der ganzen Welt auf (alleine in Deutschland gibt es ungefähr 500) und beliefern heute Häuser von New York bis Tokyo. Sie liefern Stoffe für Trachten ebenso wie technische Textilien, die zum Beispiel bei Akkordeon-Herstellern gefragt sind. Mittlerweile ist jeder zehnte Auftrag ein Exklusivmuster das es so vorher nicht gegeben hat. Von Labels für einzigartige Baby-Tragetücher bis zu Hochzeitsanzügen- und Kleidern ist für Udo und Christian fast nichts unmöglich. Und die Welt um sie herum steht auch nicht still: Mode wird zu einem gesellschaftlichen Thema. Neben Individualismus achten Kunden wieder mehr auf Qualität. Und die Toxizität, die von giftigen Chemikalien und unfairen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie ausgehen lässt sie nach Alternativen suchen. Weil unsere Welt und wir selbst uns in Kreisen bewegen, wird aus der historischen Weberei Ekelkraut so ein Modell für morgen: Besondere Stoffe aus deutscher Produktion sind wieder gefragt und Udo und Christian sind die einzigen, die in ihrem speziellen Segment das handwerkliche Wissen darum bewahrt haben und liefern können.

Udo & Christian im Interview

“Der Erhalt der Zukunftsfähigkeit unserer wunderbaren Region sollte auf allen Ebenen zu Resonanz führen und nicht nur auf privaten Schultern liegen.”

Was bietet euch die Region Homberg?

Wir sind hier zentral in Deutschland und die Region bietet mit ihrer grünen Vielfalt und historischen Kleinstädten eine heimelige Atmosphäre. Weil Fläche und Gebäude hier erschwinglich sind, kann man hier leben wie und was man will. Das hat viele Individualisten, Handwerker und Künstler von überallher in die Region gebracht, die hier zu einem Kollektiv zusammenwachsen. Dieses Feld von Verbindung und Individualität, von Grün und Kleinstadt, von Hühnern im Vorgarten und Stadtwohnungen, ist eine großartige Triebfeder für Kreativität.

Was könnt ihr für die Region tun?

Uns ist der Erhalt von regionaler und technischer Historie wichtig. Alte Arbeitstechniken werden bei uns lebendig gehalten – und das in der einmaligen Kulisse des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers STALAG IX A, der Flüchtlingssiedlung in Trutzhain. Maschinen und Hallen aus den 1950er Jahren werden hier noch heute für die Produktion genutzt. Damit sind wir einer der letzten historisch gewachsenen und bis heute erhaltenen Betriebe in Trutzhain. Durch die Verbindung von Vergangenheit mit der Gegenwart möchten wir Zukunft schaffen und die Region vielfältig und bunt erhalten.

Was fehlt euch in der Region?

Uns kommt es manchmal vor, dass die Region durch die Politik und öffentliche Stellen vergessen wurde. Oft bemerken wir, dass insbesondere der Erhalt von Historie mit kleinen Mitteln möglich wäre – aber, obwohl es der Lokalpolitik, Museen und auch der Landespolitik bekannt ist, findet sich keine Stützung. Und damit verliert sich immer mehr und unwiderruflich. Ein Beispiel für diesen Untergang von Historie ist die Kunstblumenfabrik Lumpe in unserer Nachbarschaft in Trutzhain. Das macht uns traurig, betroffen aber auch wütend. Auch der Ausbau von zukunftsweisender Infrastruktur wie öffentlichem Personennahverkehr und Mobilitätskonzepten wird oft nur halbherzig und inkonsequent betrieben. Zum Glück gibt es hier auf allen Ebenen private Zukunftstreiber!

Was wünscht ihr euch für die kommenden Jahre?

Mehr Wertschätzung und Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen, Aktion statt Reaktion und mehr Bewegung wären wunderbar. Ist Historie erstmal weg, kommt sie nicht mehr wieder und auch der Erhalt der Zukunftsfähigkeit unserer wunderbaren Region sollte auf allen Ebenen zu Resonanz führen und nicht auf alle Zeiten nur auf privaten Schultern liegen. Für unseren Betrieb aber auch für uns persönlich ist es schön zu bemerken, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Allgemeinheit steigt.

Unser Lieblingsort

Das Beisetal

“Das Beisetal bietet mit seiner Bahnstrecke, der leise vor sich hin gluckernden Beise und den verbliebenen Mühlen einen verträumten und erstaunlich ruhigen Blick in die Vergangenheit und holt einen mit dem satten Grün und den vielen dort lebenden Tieren wieder in die Gegenwart.”

Wo ist das?

Mehr von der Historischen Weberei Egelkraut

goldbrokat.eu

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