Der Gemeinschaftsbauer

Hubertus Nägel
Hubertus Idee von Landwirtschaft geht so: Er stiftet seinen Hof, sein Land, seine Kreativität und Tatkraft, um in der Provinz den Geist von Urbanität entstehen zu lassen. Seinem Ruf folgen junge Menschen mit unterschiedlichsten Geschichten und kultivieren gemeinsam neben gesundem Fleisch und Gemüse vorallem auch ein erfülltes Leben. Daraus entstand der Melting Pot für die heißesten Kulturveranstaltungen Nordhessens – und ein rundum glücklicher Bauer.

Text & Fotografie: Jonathan Linker | Handlettering: Julia Wenderoth | Design: Jonas Seemann

Macht sich das Land wie es ihm gefällt: Hubertus fällt nicht viel dazu ein was ihm am Landleben fehlt. Was er vermisst, holt er zu sich. Er kann das, weil er auf eine Gemeinschaft bauen kann, die sich gegenseitig inspiriert. Auf einer unfruchtbaren Wiese hinter seinem Stall blüht das Leben in selbstgebauten Tiny Houses und den Mobile Homes vorübergehender Hofbewohner. Neben seinem Platz teilt Hubertus gemeinsam mit einem Sozialarbeiter auch sein Wissen über die Landwirtschaft mit seinen Azubis und hilft ihnen dabei einen eigenen Lebenstraum für sich zu finden. Jeden Mittwoch Mittag essen alle zusammen und besprechen ihre nächsten Projekte.
Ein lohnender Weg
Kaum jemand verirrt sich hier hin, kaum ein Schild weist den Weg in die vor Homberg verborgen gelegene Senke am Mosenberg in die sich das kleine Dorf Hombergshausen hineinzuducken scheint. Und doch fahren eine Menge Leute bewusst die vielen Kurven der schmalen Straße herauf um etwas sehr Seltenes zu bekommen: Das Fleisch artgerecht gehaltener Tiere. Hubertus Nägel und seiner Freundin Julia Becker haben sich mit der Tierfairbrik die Aufgabe gegeben, den Wert tierischer Lebensmittel neu zu entdecken.

Mit dem Vorschlaghammer zu mehr Tierwohl
Sie brachen die Barrieren der Mensch- und Tier- dominierenden Fleischindustrie auf, zertrümmerten die Wände des Schweinestalls und ließen ihre Tiere frei. Seither laufen sie im Schweinsgalopp über die Wiesen und Felder der Tierfairbrik. Die Idee für die Tierfairbrik entstand aus dem Unmut darüber, dass industriell abgepacktes Fleisch in den Kühltheken der Geschäfte immer weniger Aufschluss darüber gibt, welches Leben die Tiere dafür gelebt haben. „Wenn wir überhaupt nicht mehr wissen was in unseren Lebensmittel steckt, dann können wir auch genauso gut einen Lupinenbratling essen anstatt etwas Fleischhaltiges in den Toaster zu stecken”, kritisiert Hubertus Nägel. Aus diesem Grund hat er es auch nicht eilig einen Onlineshop zu starten, er will lieber, dass die Leute kommen und sehen was sie essen.

Gemeinsam Kultur aufs Land holen
Nach Hombergshausen auf den Hof von Hubertus zu fahren lohnt sich besonders auch immer im Spätsommer, wenn das Musikschutzgebiet (MSG) tausende Menschen auf dem Grünhof zu einer riesengroßen Party versammelt. Auf dem MSG haben Bands wie Cro, Annenmaykantereit, Bilderbuch, Turbostaat, Milky Chance und zuletzt den Leoniden gespielt. „Veranstaltungen in Nordhessen sollten sich nicht ausschließlich auf Städte konzentrieren“, sagt Hubertus. Deshalb hat er einen Verein gegründet, der unter anderem mit dem Festival die Kulturlandschaft in Nordhessen bereichern soll. Die Vereinsform hat er gewählt, weil es für Hubertus wichtig ist, Projekte aus einer Gemeinschaft heraus zu entwickeln und dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen.

Hubertus Nägel im Interview

„Mit unserer Kulturarbeit wollen wir die Attraktivität der Region Nordhessen als Lebensraum steigern und der Landflucht begegnen.“

Was bietet dir die Region Homberg?

Ein Heimatgefühl und ein Netzwerk mit netten Menschen.

Was kannst du für die Region tun?

Ich erzeuge regionale Lebensmittel mit sozialem Charakter und gläserner Produktion. Junge Menschen finden bei uns eine soziale Anbindung und handwerkliche Berufsverfahrungen. Bei uns steht der solidarische Charakter des Hofs im Vordergrund, wir wollen den Menschen ein Lächeln bereiten.

Was fehlt dir In der Region?

Urbanität und besserer öffentlicher Nahverkehr.

Was wünschst du dir für die kommenden Jahre?

Gemeinschaftliche Entwicklung unserer Heimatregion, um weitere junge Menschen zum Mitmachen zu ermutigen und den Zuzug von gestressten Großstädtern zu forcieren – die Landflucht umkehren!

Mein Lieblingsort

Der Singliser See

Was ich nicht direkt vor der Haustür habe, ist trotzdem nicht weit weg: Suche ich mal meine Ruhe, ist der Singliser See mein Lieblingsort um runterzukommen.

Wo ist das?